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Die Kapuze des Bösen

Dunkelmänner aller Provenienzen verhüllen oder verschatten gern ihr Gesicht. Das kennt man vom Kino. Ob die Dunkle Seite der Macht, die finsteren Mönche aus dem Namen der Rose – alle kommen mit übergroßen Kapuzen einher geschlurft, die allenfalls die böse funkelnden Augen darunter erkennen lassen. Das rote Kapuzenmäntelchen aus „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ verfolgt mich bis heute und hat mein Verhältnis zu Venedig nachhaltig gestört. Die hakennasigen Masken des dortigen Karnevalstreibens tun ein Übriges.
Die dunkle Seite

Und dann die Boxer – die Gladiatoren des TV-Zeitalters. Unter den Klängen einer martialischen Hymne stapfen oder tänzeln sie die Showtreppe hinunter, dann den Gang entlang zum Ring, vorbei an der Halbwelt, den B-Promis und den Kameras. Beschützt von bulligen Typen mit Spiralkabeln in den Ohren. Bekleidet mit einem grellbunten oder auch tiefschwarzen, Morgenmantel-ähnlichem Umhang mit gewaltiger Kapuze – die natürlich tief über das Gesicht hängt, woran man sofort die Bedeutung der Spiralverkabelten erkennt: Die führen den halbblinden Fighter in den Ring. Es sähe ja auch echt krass aus, fiele der Champion schon vor der ersten Runde auf die Bretter.

Nun zur zivilen Seite des Kapuze-Tragens:
Ein Anorak hat typischerweise eine Kapuze. Und das ist gut so, bewahrt sie doch den Kopf des Trägers vor Regen, Schnee und Hagel. Was nichts daran ändert, dass solchermaßen geschützte Menschen doch irgendwie bedauernswert wirken. Aber es ist halt praktisch und funktional.

Womit wir bei der Frage angekommen wären, was die Heerscharen kapuzenverpackter jugendlicher Sweatshirt-Träger antreibt, sich unabhängig von Außentemperatur, Niederschlagsart und -menge der freien Sicht und Ansicht zu berauben. Meist sind es junge Männer, die sich dergestalt in Filmbösewichte oder Federgewichtschampions zu verwandeln suchen. Die kapuzentragende Frau hingegen ist seltener und meist daran zu erkennen, dass sie auch Pulswärmer trägt. Auch dies unabhängig von Temperatur, Wetter und Jahreszeit.

Für viele Männer bietet sich eine Erklärung an: Die martialische Glatze, die sich viele modebedingt antun, hat den Nachteil, dass die Betriebstemperatur des Gehirns sinkt, und damit das Denk- und Reaktionsvermögen. Schlecht im Straßenverkehr. Man möchte jedoch zu bedenken geben, dass die durch eine Kapuze sehr eingeschränkte Sicht möglicherweise ein größeres Gefahrenpotenzial birgt!

Hat jemand noch sein volles Haupthaar, dann ist es schwieriger zu ergründen, warum er es mit textilem Schutz umgibt. Auf Anraten von Mutter? „Du hast doch immer so schnell eine Ohrenentzündung bei Zugluft.“ Also dann erst recht nicht!

Es muss andere Gründe geben.
Die schon erwähnten Pulswärmer führen vielleicht auf die richtige Spur. Das Temperaturempfinden der jüngeren Generation ist grundsätzlich ein anderes als bei den älteren Jahrgängen. „Zimmertemperatur“ bedeutet für die Jungen wenigstens 24 Grad. Unsereins fängt bei diesen Temperaturen an, sich auszuziehen. Die Steppjacke Modell Wolfskin Siberia wird schon bei 10 Grad Außentemperatur aus dem Schrank geholt. Wohlgemerkt: bei plus 10 Grad. Weitere Utensilien sind dann ganze Gebirge von Strickwaren um den Hals (Frauen), oder dicke Schals in Omega-Form wie ein Galgenstrick gewunden (Männer) und hochgestellte Kragen, Handschuhe und Fellboots (alle).

Erstaunlicher Weise trifft man diese Vermummten zur gleichen Zeit an, wie eine andere, kleinere Gruppe Junger: Die kommen im T-Shirt, dünnen Hosen und Sportschuhen und scheinen überhaupt nicht unter der „bitteren Kälte“ zu leiden. Ausnahmen bestätigen die Regel, sagt man. Klar ist jedenfalls, dass das Temperaturempfinden doch eine recht große Bandbreite hat. Die gleich Beobachtung kann man auch bei Babies im Kinderwagen machen. Die einen sieht man unter den Bergen von Kissen und Decken erst gar nicht. Und wenn, dann sähe man nur die von Mama gehäkelte Kapuze, denn: „Solange das Köpfchen noch nicht zu ist...“ Andere dagegen genießen die wunderbare Strampelfreiheit und scheinen trotz offener Fontanelle nicht an Hirnvereisung oder Frostbeulen zu leiden. Liegt etwa hier die Ursache für das gestörte Temperaturempfinden? Über die Verunsicherung der jungen Mütter ist viel geschrieben worden. Hier sehen wir möglicherweise eine der Auswirkungen. Die Vermutung drängt sich auf, dass auch eine langfristig angelegte Vermarktungsstrategie der Textilindustrie ihre Finger im Spiel hat.

Eine analoge Strategie wird in der folgenden Kausalkette erkennbar: Babynahrung – süßer Tee – Limonaden – isotonische Durstlöscher. Man geht nicht mehr ohne Fläschchen. Überall lauert die Austrocknung und der Mineralmangel. Auch das Komasaufen im Park kann man mit dieser Entwicklung zumindest spekulativ in Zusammenhang bringen.

Zurück zur Kapuze. Es gibt keine sachliche Erklärung für diese Mode - außer, dass es eben eine Mode ist. Und die definiert sich über ihre begrenzte Lebensdauer. Hoffen wir's.

Denn: Scheisse aussehen dürfen ist ein Menschenrecht!

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Wolfgang am :

"Hoodies" - wieder was gelernt!

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